Special: Cruising Kuba!

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Zerfallene Häuser, alte Autos, Jazz und karibische Melancholie! Kuba ist das letzte lebende Museum, und der perfekte Ort, um ein Bild des echten Sozialismus zu bekommen. Ein Besuch. 

Wer auf Kuba landet, muss erst einmal die Zeitverschiebung berücksichtigen. Es sind etwa 50 Jahre. Kuba ist Vergangenheit. Schon auf den ersten Metern von Havanna sieht man alte zerfallene Häuser und Chevys und Buicks aus Zeiten, in denen sich Ernest Hemingway in der Floridita Bar 13 Mojitos in den Gaumen schoss.

Der erste Eindruck von Havanna? Wie nach einem Sieben-Tage-Krieg. Palmenalleen neben zerfallenen Plattenbauten, zusammengeflickte Jugenstil-Villen mit zerstörten Hinterhöfen. Nur die Touristenmeile vor dem Capitol ist gut in Schuss. Der Kommunismus wusste schon immer, wie er sich nach außen präsentiert.

Der wichtigste Platz der Stadt ist der Malecón. Die Uferpromenade ist so etwas wie der Ocean Drive von Kuba. Erst, wenn man den Sonnenuntergang erlebt, versteht man, warum diese Straße für die Menschen von Havanna so wichtig ist. Junge Kubaner flanieren auf und ab, sitzen auf dem Gestein, das Richtung Florida blickt, auf die Keys, wo die Menschen in Hotelkomplexen sitzen und sich darüber beschweren, dass die Eismaschine auf dem Gang zu laut summt. Auf Kuba gibt es keine Eismaschinen, manche Hotelzimmer in Havanna haben noch nicht mal Fenster (zum Beispiel das Hostal los Frailes, das wir testen durften).

Der Komfort ist ein eigenes Thema auf Kuba, wer sich an so etwas stört, ist hier falsch. 

Am Ende des Malecons spült der Ozean tagsüber ein paar Kreuzfahrtschiffe an und wirft Tagestouristen auf die Insel. Es sind diese typischen Tagestouristen, die – mit dem nötigen Sicherheitsabstand – noch schnell einen Hauch Mythos und Vergangenheit einatmen wollen, bevor es vielleicht zu spät ist. Aber wenn man sie so sieht, die Touristen, dann kann man ihre Wege schnell nachzeichnen, man sieht, wo sie dinieren und trinken und ihre Fotos schießen und die Leistung, ihnen zu entkommen gleicht auf Kuba dem Kauf einer Cola: es ist ein Kinderspiel.

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Der Malecón.

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Wie gesagt, der Malecón. Man sollte einen ganzen Abend dort abhängen, das Spiel des Reisenden umdrehen: Nicht man selbst spaziert durch die Stadt, sondern die Stadt spaziert vorbei. Wie in einem Theaterstück. Der Sitzplatz ist das Gestein, die Wand, die jeden Tag und jede Nacht vom Meer malträtiert wird, auf der man es sich mit einem Bier gemütlich macht. Die Sonne taucht die Strandpromenade in gelbes Licht und die Jugend zaubert einen Boulevard, der einen entscheidenden Vorteil hat: alte, vorbeifahrende Autos sehen einfach besser aus als neue. Das Bild macht Männer glücklich. Ein Buick von 1954, Radkästen in weinrot, Räder in beige-Schwarz, blank poliert, zum Teil als Cabrio. John F. Kennedy würde da reinpassen, oder Marylin Monroe mit Ehemann Nummer zwei, dem Dramatiker Arthur Miller. Jetzt sitzen junge Kubaner drinnen, die Generation facebook, das auf Kuba natürlich verboten ist, so wie alles, was bisher aus dem Westen oder den USA in die Welt schwappte.

Aber in den Gesichtern der jungen Menschen kann man abends die Melancholie lesen, die leichte Zufriedenheit mit einer Situation, die eigentlich schlechter nicht mehr sein könnte. Wenn man es genau nimmt, ist auch der Malecón eine längst zerfallene Ruine.

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Tourilokal La Taberna.

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Nur von außen schön: Hotel Telegrafo.

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Hemingways Lieblingsbar: La Floridita.

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Fidels Amtszimmer.

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Wir erfüllen uns einen lang gehegten Traum: Einmal im alten Chevy gen Südwesten dieser Insel reisen und im fruchtbaren Tal von Pinar del Rio eine eigene Havanna aus den getrockneten Tabakblättern basteln. Die Tourismus-Agenturen sagen, das gehe nicht. Doch der Trick liegt – wie fast überall auf der Welt – im Angebot. Jeder kubanische Autobesitzer ist an genau einem interessiert: Devisen. Fremde Währungen. US-Dollar beispielsweise. Für 300 findet man jemanden, der einem das Auto für drei Tage überlässt. Wenn er nett ist, nimmt man ihn einfach mit und hat einen perfekten Guide dabei.

Dann schmeißt man sich am nächsten Morgen auf die Autobahn und merkt: Der Motor des Wagens ist nicht mehr der Original V8 von 54, sondern ein russischer Lada-Nussmixer, wahrscheinlich aus dem Jahr 78. Bis 1990 bekamen die Kubaner Unterstützung aus Russland, man brachte etwas Geld, Öl und Motoren, denn ein Buick-Motor mit 750.000 Kilometern auf dem Buckel geriet auch in diesen Breitengraden irgendwann in Schwierigkeiten. Die Karosserie blieb, der Motor wechselte. Man stellt sich kurz vor, was ein deutscher TÜV-Mitarbeiter dazu sagen würde, wenn er in einem Fünfer BMW plötzlich einen Fiat500-Motor vorfinden würde, aber auf Kuba gibt es noch nicht mal richtige Tankstellen, wie soll es da einen TÜV geben.

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Vinales vom Balkon des Hotel Jazmines.

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Unser Besuch bei den Tabakbauern.

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Viñales ist ein Hammer. Die Einfahrt: Serpentinen wie die Corniche in Monaco. Es gibt zwei größere Hotels. Eines davon ist das Jazmines, ein typisch kubanisches Kolonial-Hotel. Von außen und auf Bildern ein Schmuckstück, innen eine mittlere Katastrophe. Der Blick vom Pool dagegen, mit einem ersten Mojito in der Hand, die Musik des Buena Vista Social Clubs im Ohr: Atemberaubend. Das Tal: ein Kunstwerk. Ein grünes Weltkulturerbe, alles verwachsen und am Ende doch irgendwie geordnet.

Über zwei Einheimische finden wir Pedro, einen Guide, der uns mit Pferden auf eine Tabakfarm bringt. Er möchte erst einmal 50 Dollar Basishonorar. Sein Bruder baut Tabak an, stellt selbst Zigarren her, inmitten des Dschungels von Viñales. Um drei Uhr dreissig hauen wir uns auf die Pferde. Von Winnetou weiß man: wenn die Sonne sich senkt, wird sie dem weißen Mann den Rücken stärken. Wir wollen galoppieren, aber die Gäule bewegen sich ähnlich von der Stelle wie die eingebauten Ladamotoren. Auch den Pferden fehlt das Benzin, also traben wir gemächlich ins Grüne. Hinter uns ein englisches Paar, er Zigarrenfan, sie seine Begleitung, leicht genervt vom Wunsch ihres Mannes, hier im lässigen Marlboro Abenteuer-Stil den heiligen Gral seines Lebens zu finden.

Pedros Bruder ist ein cooler Hund. Er lebt mit seinen Pferden und getrocknetem Tabak auf einer Ranch, die aus einer Holzhütte besteht. Drinnen hängen die Blätter. Sie duften so intensiv wie der Sound von Ferrer klingt. Er bietet Rum aus Kokosnüssen an. Der Engländer ist nach zwei Minuten betrunken. Dann geht es los, die Tabakblätter werden ausgerollt, zugeschnitten, eingerollt, mit ein wenig Wasser halten sie von selbst zusammen. Keine Zusatzstoffe, kein Label, nichts. Ein Streichholz entzündet sich, wir halten alle unsere dicke Havanna zwischen Zeigefinger und Mittelfinger. Zwei Züge, dann fällt ein Nichtraucher hier in Ohnmacht. Der Tabak ist unfassbar intensiv. Wie Zartbitterschokolade mit 100 Prozent Kakaogehalt. Wir kaufen drei Schachteln, der Engländer vier. Pedro bekommt Provision. Die beiden machen an diesem Tag mehr Umsatz als die gesamte Einkaufsmeile von Viñales. Zigarren sind ein gutes Geschäft auf Kuba.

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Kleiner Lichtblick: das Hotel La Union in Cienfuegos.

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Soll man nun hinfahren?

Ja. Auf jeden Fall. Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht zu sehr von den Plattenbauten beeindrucken lässt, die in Nebenstraßen gebaut wurden und in denen Menschen unter erbärmlichen Bedingungen leben. Havanna ist wahrscheinlich eine der interessantesten Städte der Welt – weil es noch nicht mit Hotel- und Restaurantketten übersät ist. Und die Häuserfassaden gehören zu den schönsten auf der ganzen Welt. Sie bräuchten nur mal wieder etwas Pflege.

Hotels in Havanna

Hostal los Frailes, DZ ca. 100 Euro, www.hostallosfrailes.cu. Auch schön und direkt am Capitol gelegen: Hotel Telegrafo. www.hoteltelegrafocuba.com. Bestes Hotel: Hotel Saratoga, vom Pool oben auf dem Dach hat man einen perfekten Blick aufs Capitol. Infos unter www.hotel-saratoga.com 

Essen & Trinken

Bester Kaffee in Havanna: Café Escorial. Essen, teuer und schlecht, bei Taberna Muralla. Teuer und gut: La Taverna, Adresse: Calle Mercaderes, dort sind aber viele Touristen.

Hemmingways Lieblings-Bar

El Floridita, Calle Obispo 557, www.floridita-cuba.com 

Einigermaßen gute Bar für später

Casa de la Musica, Avenida de Italia.

Musik

Buena Vista Social Club

Hotels in Viñales

Los Jazmines, Carretera de Viñales.

La Ermita, drei Sterne Laden mit einem völlig zerstörten Tennisplatz vor der Haustüre, aber grandiosem Blick auf die Landschaft. Kontakt: reserva@vinales.hor.tur.cu DZ ca. 50 Euro.

Photography: @25Hpictures for Pretty Hotels