Passo dello Stelvio, Südtirol

1825 erbaut, mit 48 engsten Kehren, die auf 2.757 Meter enden: Der Passo dello Stelvio ist ein Monument, das von Serpentinen-Liebhabern vergöttert wird. Fotograf Stefan Bogner und Autor Karl Baedeker machten aus dem historischen Bauwerk ein ganzes Buch, aus dem wir Teile veröffentlichen dürfen.  

Die Geschichte

Römische Truppen auf Eroberungsfeldzug, deutsche Kaiser auf dem Weg zum Papst, Adelige auf großer Tour, Handlungsreisende, Gelehrte, Entdecker und Naturforscher – sie alle machten auf ihren Reisen zwischen Nord- und Südeuropa in Südtirol Station. Seine geografische Lage machte das kleine Alpenland jedoch nicht nur zu einem besonderen Durchgangsort, sondern auch zu einem geopolitischen Spielball zwischen Imperien und Nationen. So ist Südtirol bis heute ein Land der Gegensätze –zwischen Nord und Süd, Berg und Tal, zwischen Lebensweisen, Sprachen und Kulturen – und als solches ein besonderer Sehnsuchtsort europäischer Reisender: Wenn im Frühsommer im Vinschgau die Obstbäume blühen, während darüber die eisigen Gipfel der Alpen in den blauen Himmel ragen, sich in Meran der Wein über mondäne Jugendstil-Fassaden rankt und auf den Tellern die Alpenküche mit italienischer Kochkunst verschmilzt, kann man sich kaum einen angenehmeren Ort vorstellen. 

Kleiner Exkurs: In keinem anderen Gebiet gibt es eine höher Dichte an hübschen Hotels, insgesamt 16 Häuser aus Südtirol gehören zur Pretty Hotels Familie.

Doch bei aller Schönheit,  die wir heute mit dem Urlaubsland verbinden, war der Weg durch Südtirol für die Reisenden früherer Jahrhunderte nicht ohne Anstrengungen und Gefahren: Wer aus einem Tal ins nächste gelangen wollte, musste sich hinauf in die karge und gefährliche Welt der Berge wagen. Schon in der Frühzeit der menschlichen Besiedelung, als die Hänge der Alpen noch dicht bewaldet waren, galten die zahlreichen Übergänge und Joche, an denen die Passage zwischen den Gipfeln am leichtesten möglich war, als lebenswichtige Routen für Jäger, Sammler und Händler.

Nachdem die Römer die Via Claudia Augusta als Trasse via Bozen und Meran über den Reschenpass bauten und gen Norden den Brennerpass besetzten, wählten Handlungsreisende schon damals den schmalen, steilen Saumpfad über das Stilfser Joch. Über den Umbrailpass, der von der Südrampe kurz unterhalb der Passhöhe abzweigt, gelangte man schon früh in die Täler der heutigen Schweiz – ins wunderschöne Val Mustair.

1812 – das Königreich Italien stand gerade unter der Herrschaft Napoleons – begann der Leiter des Departments Adda, Filippo Ferranti, mit der Vermessung einer möglichen Strecke von Bormio bis hinauf zum Stilfser Joch. Ferranti hatte eine dreieinhalb Meter breite Straße mit bis zu 15 Prozent Steigung im Sinn, die allerdings nur mit kleinen, zweirädrigen Fuhrwerken und Saumtieren befahrbar gewesen wäre. Doch Napoleon stürzte, Europa wurde neu geordnet, Lombardo-Venetien fiel an Österreich – die Pläne wurden auf Eis gelegt.

Das Buch: 300 Seiten, 240 Fotos und alle historischen Anekdoten gibt`s beim Verlag Delius Klasing.

Das Stilfser Joch rückte mit einem Mal ins Blickfeld der Habsburger Monarchie. 1818 beauftragte der Österreichische Kaiser Franz den Ingenieur Carlo Donegani aus Brescia, einen Pass zu entwickeln, der direkt ins italienische Bormio hinunterführte. Donegani wählte am Ende den steilen Abstieg vom Joch nach Trafoi in einer Folge von zahlreichen serpentinenförmigen Kehren, um auf der kürzesten Strecke den größten Höhenunterschied zu erreichen. Noch im Spätherbst 1818 hatte Donegani die Terrainaufnahmen für den ganzen Straßenzug durchgeführt, im Frühjahr 1820 wurde auf südlicher Seite bereits mit dem Bau der Straße begonnen. 

Bereits am 1. August 1825 wurde der Postverkehr von Innsbruck nach Mailand über das Joch eingerichtet, im Oktober 1825 wurde sie als wichtige Handelsverbindung zwischen Tirol und Lombardei dem Verkehr übergeben. 

Gegen 1865 setzte im neuen Grenzland Tirol der Alpentourismus ein. Verbesserte Straßen, europaweite Zugverbindungen sowie ein engmaschiges Netz von Gasthöfen und Hospizen sorgten ab Mitte des 19. Jahrhunderts für einen wahren Tourismus-Boom in den Bergen. In den Reisebeschreibungen der Zeit wurden die Berge nicht mehr gefürchtet und schnellstmöglich überwunden, sondern bewundert und freudig bereist.

Beschwingt vom Geist der Romantik, suchten die Schnellreisenden zwischen den Alpengipfeln die wohligen Schauer eindrücklicher Naturerlebnisse. Tirol wurde zum beliebtesten Reiseziel der Doppelmonarchie. Mit der Tiroler Bahn über den Brenner erreichten nun aber auch wohlhabende Touristen aus Deutschland, Frankreich und England ganz bequem den Kurort Meran, der bald als Tor zu den Alpen internationale Bekanntheit erlangte.

Auch namhafte Forscher und Alpinisten fanden den Weg durch den Vinschgau zum Stilfser Joch und ins benachbarte Suldental, das sich schnell als Basisstation für Bergtouren ins Ortlermassiv etablierte. Viele der mittlerweile legendären Berghütten entstanden ebenfalls in dieser Zeit. Auch die Stilfser-Joch-Straße wurde nun wieder gepflegt, eine Maut half bei der Finanzierung.

Die neuen Alpenhotels

Während die Passstraßen den ambitionierten Bergsteigern vor allem als Zugang zu den Kletterstiegen dienten, genügte es den meisten Reisenden, das eindrucksvolle Bergpanorama ohne große körperliche Anstrengungen von der bequemen Sitzbank einer Kutsche aus zu bestaunen. Für dieses neue Publikum, dass sich zwar eindrückliche Naturerlebnisse wünschte, dabei jedoch nicht auf urbanen Komfort verzichten wollte, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Grand Hotels in den Bergen. Eine wichtige Rolle beim Ausbau des Fremdenverkehrs in Tirol spielte der griechischstämmige Tourismuspionier Theodor Christomannos, der in Trafoi am Fuße des Stilfser Jochs ein Luxushotel bauen ließ, das selbst die großen Häuser in Paris und London in den Schatten stellte: Erste Besucher staunten über elektrisches Licht, Dampfheizungen, Bäder auf jedem Stockwerk, gewaltige Speisesäle, eine eigene Bäckerei, Post, Telefon und Telegrafen, eine Dunkelkammer für Fotografen, einen Hotelarzt samt Apotheke und sogar ein Hausorchester. Auch der Wiener Arzt und Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud hielt sich Ende der 1890er-Jahre in Trafoi auf – er arbeitete hier an seiner Abhandlung zur »Psychoanalyse des Alltags«. 

Das 20. Jahrhundert

Obwohl es im 20. Jahrhundert einfachere Routen gen Süden gab, gewann der Pass mit der Erfindung des Autos weiter an Bedeutung. Die großen Automarken nutzten das hochgelegene Stilfser Joch, um die Strapazierfähigkeit neuer Modelle zu testen. Schon Ende der 1930er-Jahre wurde Ferry Porsche während seiner Alpenversuchsfahrten mit dem Volkswagen-Prototypen W30 am Stilfser Joch gesehen. In den späten 1950er-Jahren wurden dann die Bremsen des neuesten Porsche 356 auf den Serpentinen und im Schnee an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Auch in den Imagebroschüren dieser Zeit konnte man die neuesten Sportwagen immer wieder auf den prägnanten Kurven des »Stelvio« bewundern. Inspiriert von Rennsport und Werbung, strömten nun immer mehr Automobilisten auf Stilfser Joch, um ihre Autos und Fahrkünste unter Beweis zu stellen. Auf den Kurven wurde es langsam eng.

Denn auch die Radfahrer entdeckten den höchsten Pass Italiens für sich: 1953 führte zum ersten Mal der Giro d’Italia über die Schotterstraße am Stilfser Joch. Die Ausnahmefahrt von Fausto Coppi, der seinen Schweizer Kontrahenten Hugo Koblet nach einem beeindruckenden Sprint durch meterhohe Schneewände mit 4:27 Minuten Vorsprung schlug, begeisterte Presse und Publikum und gilt bis heute als eines der aufregendsten Rennen der Radsportgeschichte. »Ich dachte, dass ich sterbe«, bekannte Coppi später trocken – ein Mythos war geboren. Als Schauplatz zahlreicher dramatischer Duelle wurde der »Stelvio« schon bald zum heiligen Berg aller Radrennfahrer. Wer die 21 Kilometer lange Fahrt über 1.500 Höhenmeter bis zur Passhöhe auf 2.757 Meter meisterte, hatte auf dem Sattel eigentlich alles erreicht. Der Giro d’Italia 1965 blieb der Radsportgemeinde besonders lange in Erinnerung: Nach starken Schneefällen war Ende der Etappe auf die Südseite des Passes verlegt worden. Doch kurz vor dem Ziel ging direkt vor den Rennfahrern eine kleine Lawine ab. Die Bilder von Aldo Moser, Egidio Cornale und ihren Kollegen, die kurzerhand ihre Rennräder schultern und in kurzen Radlerhosen über den Schnee steigen mussten, sind unvergessen.

Der „Stelvio“ ist aber nicht jedes Jahr Teil des Giro, da es im Mai mitunter große Wetterschwankungen gibt und die Fahrt auf dem Pass sehr riskant für die Organisatoren ist.  

Die Skifahrer

Ab den 1960er-Jahren konnte man zudem von einem wahren Sommerski-Boom sprechen. In der Region um das Stilfser Joch waren 13 Skischulen mit durchschnittlich 150 bis 200 Skilehrern den ganzen Sommer über im Einsatz. Während deutsche Touristen die italienischen Strände für sich entdeckten, gab es für trendbewusste Mailänder nichts Nobleres und Besseres, als im Hochsommer die Ski auf ihren Fiat Cinquecento zu schnallen und sich in die »weiße Woche« zu verabschieden. Das hatte sicherlich auch mit den Erfolgen der Italienischen Skinationalmannschaft zu tun. Der Erfolg hielt bis in die 1980er-Jahre an – dann wurden Tennis und Windsurfen als neue Trendsportarten ausgerufen und auf dem Gletscher am Stilfser Joch wurde es langsam leer. Heute sind es fast nur noch professionelle Skifahrer, die im Sommer oberhalb der Passhöhe trainieren.

Die Zukunft des Stelvio

Unter der Leitung des norwegischen Architekten Kjetil Trædal Thorsen vom international bekannten Büro Snøhetta, der zu dieser Zeit das Institut für experimentelle Architektur an der Universität Innsbruck leitete, wurde bereits ein erstes Konzept zur zukünftigen Nutzung des Bergpasses erarbeitet. Die Grundidee war es, das gesamte Gebiet rund um die Stilfser-Joch-Straße zu einer alpinen Erlebniswelt zu erklären – und die Besucher durch zahlreiche Attraktionen an und abseits der Straße zum Anhalten zu bewegen. Neben bereits bestehenden Einrichtungen wie den Nationalparkhäusern sollen weitere Museen zur Straßengeschichte und zur Ortlerfront die Durchreisenden über die besondere Geschichte der Region informieren – und so nicht nur die Verweildauer, sondern auch die Wertschätzung der Besucher für den Nationalpark und seine Straße erhöhen.

Zunächst rief die Idee einer Eintrittsbeschränkung nicht allerorts Begeisterung hervor – die Gastronomen am Pass fürchteten um Verdienstausfälle. Für zusätzliche Komplexität sorgt die Tatsache, dass die Stilfser-Joch-Straße auf Südtiroler Seite dem Land untersteht, während die Veltliner Seite als Staatsstraße von Rom aus koordiniert wird – und auch die Schweiz durch den angrenzenden, zum Nationalpark gehörenden Umbrailpass Teil der Projektplanung war. Mittlerweile scheinen sich jedoch alle Seiten auf ein Vorgehen geeinigt zu haben.

Als Eingangstor zum Stilfser Joch im Vinschgau wird das alte Fort in Gomagoi dienen, das zur Straße hin geöffnet und restauriert werden soll. Oberhalb von Bormio und Santa Maria werden sich die anderen Besucherzentren befinden. 

© Curves Magazin – www.curves-magazin.com

Text: Jan Baedecker
Fotos: Stefan Bogner

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